Stellungnahme zu:

 

Exposure to Secondhand Smoke and Biomarkers of
Cardiovascular Disease Risk in Never-Smoking Adults
Andrea Venn, PhD; John Britton, MD (2007)

Veröffentlicht im “Circulation” der American Heart Association. (ISSN: 1524-4539)

 

 

Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Cotinin im Blut einerseits und CRP, Homocystein, Fibrinogen und WBC andererseits. Sie will damit einen Zusammenhang herstellen zwischen Umgebungsrauch und Gefässkrankheiten.

 

-         Cotinin gilt als wichtigster Marker für eine Belastung durch Nikotin und damit Tabakrauch.

-         CRP: C-reaktives Protein ist als Indikator für Entzündungen anerkannt. Bei sonst gesunden Menschen gelten erhöhte Werte als Risikofaktor für Arteriosklerose. Als normal gelten Werte bis 10mg/l.

-         Homocystein gilt als Risikofaktor für Gefässkrankheiten bei Werten über 15µmol/L.
Als normal gelten Werte von 5-10µmol/L (Mittelwert also 7,5µmol/L)

-         Fibrinogen dient der Wundheilung und ist erhöht bei entzündlichen Prozessen. Neuerdings gilt allerdings Fibrinogen auch als Risikofaktor für Gefässkrankheiten.

-         WBC (White Blood Cell count) ist die Anzahl weisser Blutkörper. Auch sie vermehren sich bei Entzündungsprozessen. Der Normwert  liegt  zwischen 1.8 und 3.5 g/l. Das sind 180-350 mg/dL (Mittelwert also 265 mg/dL)

 

Als Risikofaktoren gelten in der Medizin Messwerte, die mit Krankheiten korrelieren auch dann, wenn ein ursächlicher Zusammenhang nicht nachgewiesen wurde.

 

Bereits einleitend besagt die Studie, dass Cotinin weder mit erhöhten Werten bei CRP, noch WBC einher geht.

Für Homocystein wird bei geringen Cotininwerten eine Erhöhung von 0,8µmol/L angegeben.

Für Fibrinogen wird eine Erhöhung von 8,9mg/dL bei geringen Cotininwerten konstatiert (geschätzt?).

 

Die Studie hat aus einem Gesamt-Datensatz von 39.695 Individuen (NHANES III aus den Jahren 1988-1994)  letztlich 7.599 Datensätze ausgewählt, die folgenden Kriterien genügten:

 

-         Alter mindestens 17 Jahre

-         Weniger als 100 Zigaretten, 20 Zigarren oder 20 Pfeifen im ganzen Leben geraucht

-         Cotinin-Messwerte waren verfügbar

-         Kein Tabakkonsum in den letzten 5 Tagen

 

Die Nachweisgrenze für Cotinin lag bei 0,05 ng/mL. Die im Durchschnitt gemessene Cotininkonzentration lag bei 0,215 ng/mL. (Das 4,3-fache der Nachweisgrenze)

 

Klassifiziert wurde:

-         Cotinin nicht nachweisbar (No Cotinin)

-         Niedriges (Low) Cotinin: 0,05-0,215 ng/mL

-         Hohes (High) Cotinin: mehr als 0,215 ng/mL

 

Komplizierte mathematische und statistische Methoden kamen zur Anwendung. Confounder wurden nach allen Regeln der Kunst berücksichtigt.

 

Ein Highlight ist Tabelle 1. So etwas findet man sonst selten. Dazu einige Kommentare:

 

Zuerst zu den verbalisierten „Ergebnissen“:

 

-         Frauen sind stark überrepräsentiert (68%)

-         Das Durchschnittsalter war ungewöhnlich niedrig: 38 Jahre

-         Nur bei 18% der Probanden war kein Cotinin nachweisbar.
(Vermutlich wurde auch Cotinin wegen Verzehr von Tomaten und Kartoffeln gemessen)

-         Der gemessene Durchschnittswert von 0,215 ng/mL bezieht sich auf die 78%, bei denen Cotinin nachweisbar war.

-         Die angegebene Erhöhung von Homocystein und Fibrinogen war bei viel (high) und wenig (low) Cotinin ungefähr gleich (similar Magnitude). Sie zeigte also keine Abhängigkeit von der Dosis!

-         Die Erhöhung von Fibrinogen wurde geschätzt auf 9 bis 10 mg/dL. Das wären 3,5% vom normalen Laborwert mit einer Streuung von 180 bis 350.

-         Die Erhöhung von Homocystein war 0,8 µmol/L. Das wärten 10% vom normalen mittleren Laborwert, der mit 5-10 streut und ab 15 als bedenklich gilt.

-         WBC waren eigentlich deutlich geringer bei messbarem Cotinin, aber nicht mehr so signifikant geringer nach Abgleich mit potentiellen Confoundern.

-         Aktive Raucher haben (bei einem Stichprobenumfang von 4990 aus demselben Datensatz) einen durchschnittlichen Cotininwert von 208 ng/dL. Das ist wirklich signifikant und das ist der 1000-fache Wert von dem der hier untersuchten Nichtraucher! Die gemessenen Cotininwerte sind dermassen gering, dass eine deutliche Beeinflussung durch Verzehr von Tomaten und Kartoffeln zu vermuten ist.

 

Zur Tabelle 1 selbst:

 

-         Von den Probanden waren insgesamt 63,9% Alkohol-Abstinenzler, bei hohem Cotinin „nur“ 58,5%. Ist das repräsentativ? Alkohol gilt in gemässigten Mengen als Schutzfaktor gegen Gefässkrankheiten.

-         Während ohne Cotinin eine Vorgeschichte mit Bluthochdruck zu 28,6% bestand, war das bei hohem Cotinin nur bei 21,8% der Fall. Darüber verliert der Text kein Wort. Hoher Blutdruck gilt als starker Risikofaktor für Gefässkrankheiten. Tabakrauch gilt als Risikofaktor für hohen Blutdruck.

-         Auch der aktuelle Blutdruck war bei hohem Cotinin geringer.

-         Diabetes trat bei hohen Cotininwerten deutlich seltener auf.

 

Noch erhellender ist Tabelle 2:

 

-         Fibrinogen:
Bei niedrigem Cotinin ist Fibrinogen um 1,1% erhöht, solange man nicht „adjustiert“ bei einer Standardabweichung von 26%
Bei hohem Cotinin ist Fibrinogen um 1,3% erhöht, solange man nicht „adjustiert“ bei einer Standardabweichung von 30%.
Besonders bemerkenswert sind auch die „adjustierten“ Konfidenzintervalle für die Erhöhung (?) von Fibrinogen

-         Homocystein:
Bei niedrigem Cotinin ist Homocystein um 5,4% erhöht bei einer Standardabweichung von 56%
Bei hohem Cotinin ist Homocystein um 4,7% erhöht bei einer Standardabweichung von 54%

-         Weisse Blutkörper:
Bei niedrigem Cotinin sind sie um 2,9% verringert bei einer Standardabweichung von 18%
Bei hohem Cotinin sind sie um 5% verringert bei einer Standardabweichung von 30%

-         Bereits ohne Cotinin liegen die gemessenen Mittelwerte für Fibrinogen und Homocystein bereits in der Nähe der eingangs erwähnten Obergrenzen.

 

 

Was besagt also diese Studie?

 

Genau genommen gar nichts, so wie die meisten Studienergebnisse. Ausser, dass man durch nicht veröffentlichte „Adjustments“ und geeignete Berücksichtigung von Confoundern die Ergebnisse beeinflussen kann.

Untersucht wurde ein erdachter Risikofaktor für andere unbelegte Risikofaktoren.

 

Im Juni 2007

Werner Paul